J. Craig Venter Center, Brett Shipe

Genom-Pionier Craig Venter gestorben

Eine schillernde Persönlichkeit der Genomforschung ist gestorben: Craig Venter wurde 79 Jahre alt. Schillernd deswegen, weil er mit seinem ruppigen Stil die Wissenschaftsszene im neuen Millenium aufscheuchte, mehr Geschwindigkeit bei der Entschlüsselung des Humangenoms zu entwickeln. Durch diesen von ihm gestarteten Wettlauf um die Sequenzierung gelang die erste Version des Humangenoms (HGP) zur Jahrtausendwende mit der gemeinsamen Präsentation von Venter und Collins (für die öffentlich finanzierte Wissenschaft).

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Der Genomforscher J. Craig Venter ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Wie das J. Craig Venter Institute mitteilte, verstarb der Institutsgründer, Verwaltungsratsvorsitzende und CEO in San Diego nach kurzer Hospitalisierung infolge unerwarteter Nebenwirkungen einer Krebstherapie.

Venter gilt als eine der prägenden Figuren der modernen Genomforschung und als Wegbereiter der synthetischen Biologie. Seine Arbeit trug maßgeblich dazu bei, die Genomik von einer langsamen, genweisen Analyse hin zu einer datengetriebenen Disziplin zu entwickeln – und schließlich den Schritt zur Konstruktion von Genomen zu vollziehen. „Craig war überzeugt, dass Wissenschaft vorankommt, wenn Menschen anders denken, entschlossen handeln und Neues schaffen“, sagte JCVI-Präsident Anders Dale.

Wettlauf um die Sequenz

Früh machte sich Venter am National Institutes of Health einen Namen, wo er mit der Entwicklung sogenannter Expressed Sequence Tags (ESTs) die schnelle Identifizierung menschlicher Gene vorantrieb. Später war er maßgeblich an der Erstellung der ersten Entwürfe des menschlichen Genoms beteiligt – ein Meilenstein, der die Biologie in das digitale Zeitalter führte. Mit seiner Privatinitiative trieb er die (Ex-)Kollegen der NIH an und zum Teil vor sich her, die Sequenzierung des Humangenoms zu beschleunigen. Gemeinsam veröffentlichte Venter mit Collins dann im Jahr 2000 eine erste Version der Genomsequenz des Menschen. Weitere Jahre wurden benötigt, um diese Sequenz zu vervollständigen, so dass erst 2003 eine detailliertere Genomversion vorlag.

In weiteren Arbeiten gelang es ihm und seinem Team, ein hochauflösendes diploides menschliches Genom zu veröffentlichen und damit die Bedeutung genetischer Variation zu unterstreichen. Auch in der synthetischen Biologie setzte Venter Maßstäbe. Sein Team konstruierte die erste sich selbst replizierende Bakterienzelle, die von einem vollständig chemisch synthetisierten Genom gesteuert wird – ein experimenteller Beleg dafür, dass sich Genome digital entwerfen und funktional umsetzen lassen.

Neben diesen technologischen Durchbrüchen verfolgte Venter auch groß angelegte Forschungsprojekte. Die Sorcerer-II-Expedition nutzte metagenomische Ansätze, um die mikrobielle Vielfalt der Ozeane zu kartieren, und identifizierte Millionen neuer Gene. Diese Arbeiten erweiterten das Verständnis des globalen Mikrobioms und seiner Bedeutung für ökologische Systeme.

Umstrittener wirtschaftlicher Fokus

Venter war zudem als Unternehmer aktiv und gründete mehrere Firmen, darunter Synthetic Genomics, Human Longevity und zuletzt Diploid Genomics. Sein eigenes Forschungsinstitut würdigt ihn mit dem Zitat: „Sein Ansatz zielte stets darauf ab, wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Anwendungen für Medizin und Gesellschaft zu überführen.“ Das wurde seinerzeit jedoch auch sehr viel kritischer gesehen. Denn Venter erkannte früh, dass jede bisher unentdeckte Gensequenz des Menschen auch wirtschaftliches Potential in sich barg. Er patentierte wie ein Weltmeister Tausende Sequenzen und verschaffte im Nachgang einem ganzen Berufszweig ein auskömmliches Leben im Streit um die Gültigkeit all dieser Sequenzpatente, ohne schon wirklich deren konkrete Nutzung und Nutzbarkeit aufgezeigt zu haben: den Patentanwälten.

Ebenso könnte man sagen, dass der Berufsstand der Bio-Ethik durch das ruppige, pragmatische und zielorientierte Vorgehen von Craig Venter einen neuen Schub erhielt und viele Diskussionen und Thesenpapiere zum „Wert des Lebens“, „Patente auf Leben“ und dergleichen von seinem Vorgehen inspiriert wurden. Venter war sein Leben lang streitbar, nicht weit von sturköpfig entfernt und mitunter für Wissenschaftskollegen nur schwer zu ertragen. Unvergessen ist aus dem persönlichen Erleben eine Szene auf der mit Nobelpreisträgern gespickten Veranstaltung „Curious 2017“ der Darmstädter Merck. Nach dem Vortrag von Nobelpreisträger Bruce Beutler (Nobelpreis 2011), der über die Erkenntnisse zur Immunologie aus der Forschung an Mäusen referiert hatte, war Craig Venter mit seiner Nacherzählung der Humangenomforschung dran. Doch Venter begann seinen Vortrag nicht mit sentimentalen Erinnerungen oder auch einer gewissen Selbstbeweihräucherung. Er setzte lieber einen trockenen Konter auf Bruce Beutler und sagte: „Mit der Forschung an Mäusen wird man keinen einzigen Menschen retten.“ Im weiteren begründete er dies anhand der großen Unterschiede der Genetik der beiden Spezies und ließ das Publikum tief eintauchen in das, was den Menschen durch seine genetische Ausstattung so besonders machte.

Noch ein anderer Spruch von Venter, der sein Leben der Forschung gewidmet hat, ist überliefert. In einem Interview mit dem Magazin Nature sagte er auf sein Alter angesprochen und warum er sich nicht langsam zur Ruhe setze: „Ruhestand ist das gleiche wie Tod.“ Der Nobelpreis blieb ihm jedoch versagt.

Mit seinem Tod verliert die Lebenswissenschaft eine prägende Persönlichkeit, die wissenschaftlichen Fortschritt konsequent mit technologischer Umsetzung verbunden hat – und jemanden, der das Wort „Wettstreit“ mit Verve repräsentierte.

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